Parallele Welten

Die meisten Menschen sind davon überzeugt, wir lebten alle in einer einzigen, fest definierten Welt. Auch wenn die Physiker inzwischen davon sprechen, dass es nicht nur ein Universum sondern mehrere gibt und dafür auch den hübschen Begriff Multiversum geprägt haben. Doch es ist eines, ein solches Gedankenkonstrukt zu erschaffen, und ein anderes, die Dinge tatsächlich zu erleben.

In seltenen Momenten – und wie mir scheinen will, sind sie gar nicht mehr so selten – merken wir, dass wir nicht in einer einzigen Welt leben. Wir merken es immer dann, wenn sich zwei oder mehrere solcher Welten begegnen. Und da ist es dann gleichgültig, ob eine Welt die des Traumes ist – und es gibt nicht einmal nur eine einzige Traumwelt – oder ob es die Realität des einen Menschen und die eines anderen ist, die sich da begegnen oder ob es eine imaginierte oder eine in schamanischer Reise aufgesuchte Welt ist.

Es nützt auch nichts, beispielsweise sich zu kneifen oder sonst wie prüfen zu wollen, wo ich denn nun gerade bin – denn in manchen Träumen spürt man seinen Körper so, wie wir es aus dem Zustand gewöhnt sind, den wir als normal bezeichnen. Es scheint eher eine Frage zu sein, in welchem Glaubenssystem sich diese Welt befindet. Wenn ausreichend Menschen darin leben, die überzeugt sind, dass es in dieser Welt eine Körperlichkeit gibt, so werden wir sie auch erfahren.

Andererseits: wenn wir genau dies nicht erfahren wollen, dann erleben wir keine Körperlichkeit – auch wenn genügend andere dieses Glaubens sind. Und dann werden diese Menschen als nicht normal bezeichnet, weil sie anders reagieren als die meisten. Das kann dann dazu führen, dass der Mensch, der in dieser unserer so genannten normalen Realität seinen Körper nicht spürt, als unnormal bezeichnet wird – wenn nicht gar schlimmeres –, und der, der in einem Traumzustand sehr wohl sich und seinen Körper spürt, ebenfalls, weil der gängige Glaube ist, im Traum spüre man seinen Körper nicht.

Diese Welten sind nun nicht voneinander getrennt, sie liegen auch nicht irgendwie über- oder nebeneinander. Sondern, wenn man es denn überhaupt beschreiben will, sie fließen ineinander und – was es noch verwirrender macht – beeinflussen sich auch immer wieder gegenseitig.

Nun kenne ich schon seit einiger Zeit die Welten der schamanischen Wirklichkeit. Anfangs suchte ich sie bewusst auf. Irgendwann fiel mir auf, dass es eigentlich kaum einen Unterschied machte, ob ich nun im so genannten schamanischen Zustand war oder in dem, den wir als Wachzustand bezeichnen. Zuerst verwirrte mich das und ich glaubte sogar für eine Weile, ich hätte inzwischen Probleme, in den schamanischen Zustand zu gelangen. Doch die Antworten waren immer noch genau so gut wie vorher, ich kam an die gleichen Bilder, es fühlte sich nur anders an.

Mit Träumen geht es mir manchmal genau so. Und ebenso, wenn ich Verbindung mit einem anderen Ausdruck aufnehme. Allerdings habe ich die Fähigkeit, mir immer der Ursula bewusst zu sein, die anscheinend die Kernperson dessen ist, was da erlebt. Hm, ich weiß, es scheint eine seltsame Formulierung zu sein. Doch weiß ich nicht, wie ich es besser ausdrücken soll.

Das alles ist mir mehr oder weniger schon länger bewusst. Und aus dem keltischen war mir auch die Vorstellung vertraut, dass die Anderswelt nicht irgendwo in weiter Ferne ist sondern direkt neben mir. Doch dann kam mir letztens die Erkenntnis, dass meine Erinnerungen ebenfalls weitere Welten beherbergen. Es sind zum einen die, von denen ich glaubte, sie stimmten – was das schon heißen mag – dann die, bei denen ich mir nicht ganz sicher war, ob es nun so oder ähnlich gewesen sei. Aber hinzu kommen noch die, von denen ich spüre, dass sie wahrscheinlich gewesen wären, aber anscheinend nicht in meiner tatsächlichen Wirklichkeit aufgetaucht sind. Oder doch? Und ich weiß es nur nicht mehr? Seltsame Welten.

Dann kamen weitere Überlegungen – das ist zwar nicht ganz das richtige Wort, denn sie kommen nicht aus dem Verstand, auch nicht nur einfach aus dem Bauch oder dem Herzen, sondern irgendwie aus einer Mischung aus dem allen. Liegt unser freier Wille darin begründet, zu wählen, in welcher dieser Welten ich mich hauptsächlich aufhalte? Zwar scheint uns manchmal ein Ereignis in eine bestimmte Welt zu ziehen, aber ich kann diesem Zug nachgeben oder ihm widerstehen. Ich kann mich in eine Welt fallen lassen oder gar darin versinken. Oder aber ich mache es wie ein Abenteurer und durchstreife so viele dieser Welten wie möglich. Kann ich ein Ereignis von einer Welt in eine andere ziehen? Oder – was ich eher glaube – ist es besser, wenn ich einen Weg bahne, damit das Ereignis ganz leicht von der einen Welt in die andere gleiten kann? Letzteres erscheint mir zumindest sehr viel eleganter und effektiver zu sein.

Und dann konnte ich für einen Moment diese wabernden, bunten, tönenden Schlieren, Nebel, Punkte – ach es gibt dafür kein wirklich gutes Wort – sehen, wie sie umeinander tanzten, sich elegant und wie ziellos bewegten. Es war kaum zu erkennen, welches in welche Welt gehörte – nur diese Schlieren, Punkte schienen es zu wissen. Darin bewegten sich – etwas weniger elegant – Menschen und versuchten einen Halt zu finden. Doch in diesem Gewusel gibt es keinen Halt, alles ist ständig in Bewegung, verändert sich von einem Moment zum anderen und selbst das stimmt nicht, denn Zeit in unserem Sinne gibt es nicht. Die entsteht dadurch, dass wir unseren Fokus auf eine bestimmte Stelle zu legen versuchen. In dem Moment, da wir etwas festhalten wollen, entsteht Zeit.

Es war faszinierend, verwirrend, genial, beeindruckend. Und einfach nur schön. Und dann noch eine Erkenntnis: es gibt gar nicht tausend oder noch mehr Welten – es ist alles eine Welt. Doch wir wählen Bereiche aus, und damit erschaffen wir Welten, ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Und jetzt müssen wir damit leben, dass es Parallelwelten gibt, denn schließlich haben wir sie selbst erschaffen.

 

Über Ursula Zauns

Biologin, Heilpraktikerin, Schriftstellerin, Euklamatiker - oder einfach ein Punkt im Universum, ein göttlicher Funke in menschlichem Gewand
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Erkenntnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar