Einsamkeit

Es ist interessant, wie aktuell viele meiner Texte immer noch sind, auch wenn ich sie vor Jahren geschrieben habe. Und so manches Mal erlebe ich, dass sie auf einmal aktueller sind als eine Zeit zuvor. So geschehen auch mit dem folgenden Text.

Für mich ist das darin Erkannte inzwischen Allgemeinwissen, sozusagen aus dem Kopf ins Herz gerutscht. Aber ich erlebe immer wieder bei Klienten und Seminarteilnehmern, dass dieses Thema ein Thema ist – auch wenn sie es nicht deutlich aussprechen. Ich lese es eher zwischen den Zeilen, die sie sagen. Und weil das alles so ist, folgt hier nun der Text:

 

Donnerstag, 09. September 2010

Texte, die ich in der letzten Zeit las, legten ihre Finger auf dieses Wort und schrieen danach, dass ich etwas darüber schreibe. Es hat den Anschein, als solle mir über dem Schreiben etwas klar werden.

Nun, es beginnt schon damit, dass ich mich frage, was Einsamkeit wirklich bedeutet. Für die meisten Menschen ist sie mit Angst verbunden. Die Angst, alleine zu sein, die Angst, mehr über sich selbst zu erfahren, als man vielleicht möchte, die Angst in ein schwarzes Loch zu fallen oder auch die Angst, irgendwelchen Dämonen zu begegnen. Für mich bedeutet es eher die Angst, nicht verstanden zu werden, niemanden zu finden, wenn ich Hilfe benötige. Jedenfalls zeigte sich mir genau dies, als ich nach meiner größten Angst fragte. Das war in einem schamanischen Seminar. Und ich durfte – musste – feststellen, dass ich mich in Eis und Schnee wieder fand, vollkommen allein, ohne die Möglichkeit, mir selbst aus dieser Situation zu helfen. Ich sah mich sterben, voller Verzweiflung und mit einem Gefühl des Verlassenseins. Muss ich noch erwähnen, dass ich als Kind Schnee nicht mochte und immer sofort jämmerlich fror, wenn mich meine Mutter doch in den Schnee schickte?

Das Thema, so scheint es mir heute, hat mich anscheinend mein ganzes Leben lang verfolgt. Das hört sich jetzt schrecklicher an als es war. Denn es gab ja schließlich auch andere Erfahrungen. Aber zusammen mit Gleichaltrigen hatte ich immer das Gefühl von Anderssein, nicht verstanden werden. Das fing damit an, dass ich nicht im Kindergarten war, dass ich nicht Fahrradfahren lernen durfte. Es fügt sich in das Bild, dass meine Mutter körperbehindert war, deshalb auch nicht arbeiten ging und immer zu Hause war. Im Gegensatz zu anderen Kindern musste ich früh im Haushalt helfen und Dinge tun, die für andere vielleicht zehn Jahre später anstehen. Dass es auch andere Kinder gibt, denen es so geht, wusste ich damals nicht – oder wenn nur aus der Literatur oder wenn ich über arme Länder hörte. Meine Schulkameradinnen lebten anscheinend ein anderes Leben.

Hinzu kam, dass ich mit klassischer Musik aufwuchs, sie liebte und damals nichts anderes hören wollte. Auch hier fand ich niemanden, der so dachte und fühlte wie ich. Wenn ich irgendetwas erzählen wollte, spürte ich, dass die anderen mich nicht verstanden oder mich auslachten. Und wieder hört es sich schlimmer an, als es war. Denn ich wurde in einer Familie groß, in der ich Geborgenheit erfuhr, in der weniger gestritten wurde als meist üblich. Als Kind machte ich mir über all dies keine Gedanken. Das einzige was ich fühlte war ein ‚Außen-Vor-Stehen’, ein Unverständnis der anderen aber auch meinerseits den anderen gegenüber.

Was Einsamkeit wirklich bedeutet, erfuhr ich mit siebzehn. Kurz nach meinem Geburtstag wurde die Diagnose Lungentuberkulose gestellt und nach drei Monaten Therapie mit Medikamenten eine Operation vorgeschlagen, da die Medikamente nicht anschlugen. In der Zeit kurz vor und kurz nach der Operation erlebte ich einen seltsamen Zustand von ganz allein sein, mich getrennt von anderen fühlend. Ich merkte, dass es vollkommen gleichgültig ist, ob da andere Menschen sind oder nicht. Und in dieser Situation konnten mir auch meine Eltern nicht helfen, obgleich meine Mutter die gleiche Operation ein paar Jahre vorher erlebt hatte. Allerdings sagte sie hinterher, dass auch sie sich in jenem Moment absolut allein gefühlt hätte.

In den folgenden Jahren verstärkte sich das Gefühl, denn durch meine Krankheit war ich noch mehr anders als die anderen. Heute würde ich sagen, ich lebte in einer anderen Parallelwelt als meine Klassenkameradinnen, damals spürte ich nur, dass ich sie nicht verstand und sie mich nicht. Erst als ich Biologie studierte, erlebte ich auf einmal Situationen, die so ganz anders waren. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal bei Freunden saß, mich gar nicht mal am Gespräch beteiligte – ich weiß auch nicht mehr worum es ging. Was ich sehr wohl weiß und heute noch fühle, war ein plötzlich auftauchendes Gefühl von Wohlsein, mich geborgen und verstanden fühlen.

Im Nachhinein betrachtet will es mir scheinen, dass ich immer glaubte, ich beobachte eine Herde, eine Gemeinschaft und ich bin außen vor. Erst sehr viel später erkannte ich, dass da gar keine Herde und auch keine Gemeinschaft war. Das bildeten die anderen sich nur ein. Sie hatten es künstlich erschaffen, um nicht dieses Gefühl zu erleben, das ich so stark wahrgenommen habe. Heute glaube ich, dass es etwas zutiefst menschliches ist und wohl nur in der Dichte der Erde so erfahren wird: das Gefühl von Getrenntsein, Alleinsein und damit Einsamkeit. Die erste Ahnung davon kam mir bei einer Exkursion auf Helgoland. Da bildete sich meine Zimmergenossin ein, alle anderen seien verschwunden – ohne uns. Und sie glaubte, die hätten sich abgesprochen, ohne uns etwas zu sagen. Sie wollte sie unbedingt finden – was auf der kleinen Insel ja nicht schwer ist. Und ich folgte ihr, eher mitgezogen als aus eigenem Wunsch. Wir durften dann feststellen, dass in dem einen Lokal zwei Leute saßen, in einem anderen drei, ein paar fanden wir am Meer. Es hatte sich keiner abgesprochen, es waren nur per ‚Zufall’ alle außer dieser Frau und mir an dem Abend weg. Heute kommt mir das Erlebnis wie eine Metapher vor.

Jene schamanische Reise, die ich am Anfang erwähnte, verhalf mir dann zu tieferen Erkenntnissen, die mich zumindest von der Angst befreiten. In jener Reise spürte ich auf einmal, dass ich gar nicht alleine war. In mir brannte ein starkes Feuer, dass den Schnee zum Schmelzen brachte und ich hörte meine Spirits, die meinten: „Wir sind immer da. Wenn du glaubst, du seist allein, ist es nur, weil du dich von uns getrennt hast. Aber wir sind immer in deiner Nähe.“

Als ich Jahre später Verbindung mit meinen früheren Ausdrücken aufnahm, hatte ich wieder das Gefühl, da sind endlich Wesen, mit denen ich verbunden bin, die mich verstehen und die ich verstehe. Wie können wir erwarten, dass uns andere Menschen verstehen, wenn wir es im Grunde selbst nicht können? Wie können wir uns einbilden, wir könnten sie verstehen, wenn wir unsere eigenen Taten und Gefühle nicht kennen? Auf einer tiefen Ebene fühle ich mich verbunden, verbunden mit allem, mit allen Wesen und allen Menschen. Aber im ganz normalen Alltag, in dem die Dichte der Erde so richtig zu spüren ist, fällt mir immer wieder mal auf, dass dieses tiefe Verständnis meist nicht da ist.

Ich spüre die Verbundenheit am stärksten, wenn ich gewisse Literatur lese oder klassische Musik höre. Wenn ich beispielsweise manche Stücke von Beethoven oder Schubert höre, dann ist da ein Verstehen, dass über jeden Verstand hinausgeht. Wenn ich Shakespeare oder Dickens lese oder ein Gedicht von Rilke, dann geht mir das genau so. Bei einigen wenigen Menschen habe ich es in bestimmten Situationen. Das sind dann Sternstunden. Es ist allerdings ein Trugschluss, dass es bei diesen Menschen dann immer so sein müsste. Und wenn ich darauf warte, funktioniert es überhaupt nicht. Manchmal gibt es bestimmte Dinge oder Erlebnisse, die mir eine Verbundenheit zeigen, die dann in dem Moment wunderschön ist. Und kurze Zeit später erlebe ich etwas, mit genau denselben Menschen, die mich fragen lassen: bin ich jetzt anders oder die oder was ist los?

Inzwischen glaube ich, dass wir die Sache von der falschen Seite betrachtet haben. Es geht nicht darum, immer mit allen Menschen eins zu sein und eins zu fühlen. Würde das nicht auf Dauer sogar langweilig? Anscheinend geht es darum, seinen Weg tatsächlich alleine zu gehen. Jeder für sich, jeder anders. Aber immer wieder mal, wie ein leuchtender Stern oder eine Sternschnuppe, ist da eine Situation und ein Mensch, da wir spüren, dass wir außerhalb der Erdendichte alle eins sind, da wir plötzlich Verständnis fühlen, das vorher nicht da war. Manchmal dauert es ein paar Minuten oder Stunden, manchmal ist es so kurz wie eine Sternschnuppe, die vom Himmel fällt. Mit manchen Menschen erleben wir das immer wieder mal, mit anderen vielleicht nur ein einziges Mal und wundern uns, wenn wir ihnen wieder begegnen, dass da plötzlich nichts mehr ist. Und bei andern, mit denen wir es häufig erleben, wundern wir uns, wenn es einmal nicht so ist.

Mir ist bewusst, dass auch dieser Text nicht alle anspricht, nicht ansprechen kann noch will. Nicht jeder wird verstehen, was ich aussagen möchte. Manches ist mir selbst noch ein wenig – wie soll ich es nennen – fremd, da es aus dem Unbewussten kam. Es kann gar nicht mein Ziel sein, dass mich alle verstehen. Es gibt viele Wege und Möglichkeiten, keine ist besser oder schlechter oder führt gar eher zum Ziel – einfach deshalb, weil es kein Ziel gibt. Das hieße ja, das dann alle sich verstehen würden, dann gäbe es keinen Grund mehr, etwas zu verändern und wir hätten Stillstand. Doch Stillstand ist gleichbedeutend mit Tod – dann hätte sich die Aktion Erde erledigt.

Aber auch wenn ich weiß, dass viele mit diesem Text nichts anfangen können – reine Vermutung von mir – so gehe ich doch davon aus, dass es ein paar wenige gibt, für die er wie eine Sternschnuppe wirkt.

Copyright 09.09.2010 Ursula Zauns

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Über Ursula Zauns

Biologin, Heilpraktikerin, Schriftstellerin, Euklamatiker - oder einfach ein Punkt im Universum, ein göttlicher Funke in menschlichem Gewand
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