Betrachtungen zu meinem literarischen Tagebuch

Als ich Anfang Januar 2010 mit meinem literarischen Tagebuch begann, tat ich es vor allem, weil ich bemerkt hatte, dass ich bei manchen meiner Werke schon fast nicht mehr wusste, wann und wie sie entstanden waren. Es war mein Versuch, auch diese Dinge festzuhalten. Ich bin nicht nur froh, dass ich das damals aufgezeichnet habe, es hat mich auch dazu gebracht, seitdem bei meinen Kladden auf der ersten Seite zu notieren, an welchem Tag ich mit dem Text begann und wann ich ihn beendete.

Als ich mehr oder weniger alles aufgearbeitet hatte, änderte sich der Text, nun schienen andere Dinge auf das Papier vielmehr in den Computer zu wollen. Und dann, als auch das erledigt war, führte ich das Tagebuch weiter, notierte aber nur noch die aktuellen Gegebenheiten. In diesem Sinne begann ich auch in diesem Jahr mit dem Tagebuch – und dann geschah etwas, mit dem ich vorher nicht gerechnet hatte. Ich vermute mal, es hat etwas damit zu tun, dass ich durch das Tagebuchschreiben noch mehr über mein Schreiben und Lesen reflektierte als es ohnehin schon der Fall war.

Ich habe schon immer gerne die Romane von Klassikern gelesen – mehr oder weniger, denn auch unter ihnen habe ich Lieblinge und solche, die ich nicht so schätze. In der letzten Zeit hatte ich mir einige wieder vorgenommen, außerdem aber auch eine Reihe neue gelesen, neu für mich wohlgemerkt. Und siehe da, dabei fiel mir auf, dass ich sie nicht nur anders lese als früher – das wusste ich schon seit längerer Zeit – nein, ich entdeckte darin Wahrheiten und Aussagen, die entweder anderen Menschen entgangen waren oder die diese nicht für bemerkenswert befanden.

Auch diese Idee hatte mich hin und wieder berührt – aber eher wie eine Ahnung. Nun ist mir klar geworden – soweit das überhaupt möglich ist –, dass in den Texten der großen Meister Wahrheiten und Weisheiten wie in einer Zeitkapsel verschlossen sind. Ein „normaler“ Literaturkritiker, oder aber auch Literaturfreund, kann sie nicht unbedingt wahrnehmen. Ich muss sozusagen als Leser selbst in der neuen Energie sein, um erkennen zu können, dass da Aussagen stehen, die für unsere heutige Zeit wichtig sind. Ich vermute mal, dass es dem Dichter oft genug nicht bewusst ist.

Dass dem so sein kann, weiß ich aus eigener Erfahrung. Da hatte ich 1994 meinen Märchenroman „Feder und Harfe“ geschrieben. Damals hatte ich keine Ahnung von Schamanismus – jedenfalls nicht bewusst. Wenn ich heute den Text wieder lese, muss ich fast lachen, denn was ich da beschreibe ist im Grunde nichts anderes als schamanisches Reisen. So geht es, wenn wir im Schreibfluss sind, mit dem Herzen schreiben und nicht mit dem Kopf planen.

Um nun zum Anfang des Textes zurückzukehren: dies alles hat dazu geführt, dass ich in meinem literarischen Tagebuch nun auch festhalte, was ich gelesen habe und was mir dabei aufgefallen ist. Denn für einen Schriftsteller ist es sehr wichtig, nicht nur Werke anderer Dichter zu lesen sondern sich darüber auch Gedanken zu machen.

Über Ursula Zauns

Biologin, Heilpraktikerin, Schriftstellerin, Euklamatiker - oder einfach ein Punkt im Universum, ein göttlicher Funke in menschlichem Gewand
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Schreiben und Bücher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar