„Der ganz normale alltägliche Wahnsinn“

Ich schrieb diesen Text vor ungefähr vier Jahren. Alles, was da steht, könnte ich heute noch genau so schreiben. Als ich ihn las, fragte ich mich allerdings, warum ich diesen Titel gewählt habe. Nun weiß ich aber aus Erfahrung, das meistens nicht ich den Titel wähle, sondern er sich einfach meldet. Und somit sollte der Leser schon etwas genauer hinschauen, dann spürt er vielleicht, was dahinter steht. Mehr will ich an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Der ganz normale alltägliche Wahnsinn

Wenn man erst einmal die Hälfte seines Lebens überschritten hat – zumindest wenn man den Statistiken über die Lebenserwartungen der Menschen glauben will –, dann wenden sich viele Menschen Betrachtungen über ihr Leben zu: sowohl dem schon erlebten und somit der Vergangenheit als auch dem zukünftigen. Bei manchen mag es dazu führen, dass sie bedauern, was sie getan haben, entweder möchten sie einiges rückgängig machen oder aber auch einiges erlebt haben, vor dem sie sich gedrückt oder bei dem sie sich nicht getraut haben. Und natürlich denken sie nun eher einmal über den Tod nach und was der für sie bedeuten könnte.

Interessanterweise stelle ich bei mir einige Abweichungen fest. Es mag daher rühren, dass ich mich schon immer mehr oder weniger mit Krankheiten und Tod auseinandergesetzt habe und eben nicht erst mit dem Überschreiten des halben Jahrhunderts. In einer Familie mit einem behinderten Menschen bleibt das irgendwie nicht aus. Ich habe schon immer mir sehr bewusst angesehen, was ich getan oder auch gelassen habe. In früheren Zeiten führte das schnell zu einem Gefühl von Versagen, Zweifel oder Angst. Und da nutzte es überhaupt nichts, dass ich mir dieses Gefühls bewusst war.

Was mir früher nicht klar war, waren die Muster und die Sätze, die mir eingehämmert oder auch nur ständig wiederholt wurden, die hinter all dem standen. Und wenn ich die Sätze auch kannte, so verstand ich doch nicht, wie und dass sie wirkten. Wenn ich meine Reaktionen heute auf bestimmte Situationen mit denen früher vergleiche, kann ich selbst nur über die Gelassenheit staunen, die ich inzwischen erlangt habe. Nun mag man das ja auf das zunehmende Alter schieben – sozusagen der uns zustehenden Altersweisheit. Wenn ich mich allerdings so umschaue und Gleichaltrige betrachte, dann scheint das mit der Altersweisheit nicht so weit her zu sein. Oft genug erlebe ich alles andere als das.

Was also mag es sein, dass mir diese Ruhe, diesen Frieden schenkt und das auch noch gepaart mit einer Lebensfreude, wie ich sie in jungen Jahren zwar hatte aber nicht zuließ? Es kann nicht wirklich etwas mit der Situation im Außen zu tun haben. Denn die ist ungewisser als sie es früher war. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich wesentlich mehr Geld verdiente als heute und in denen ich, wenn ich es recht überlege, sogar in einer schöneren Gegend Deutschlands lebte.

Es könnte damit zu tun haben, dass ich einfach häufiger erfahren habe, dass selbst schlimmste Situationen letztendlich zu etwas Gutem führten. Natürlich kannte ich schon früher den Satz: Wer weiß wofür es gut ist. Den sagte mein Vater oft genug. Aber es war eben nur ein Satz. Früher half er mir in der Situation überhaupt nicht. Heute weiß ich – aus eigener Erfahrung –, dass da etwas Wahres dran ist. Ich könnte Dutzende von Fällen aufzählen, bei denen ich im letzten Moment Hilfe erhielt oder in denen ich etwas für mich vollkommen unsinniges tat, und genau dies führte mich weiter – weiter in dem Sinne, dass sich eine Lösung zeigte. Manches Mal dauerte es Jahre, bis ich das erkannte, aber oft genug wurde es mir in Stunden oder gar Minuten bewusst.

Wenn ich es recht bedenke, lief es immer dann am besten, wenn ich nicht akribisch genau plante, was geschehen soll. Das war so mit der Wahl meines Studiums, das war bei Entscheidungen im Studium, selbst bei der Wahl meiner Diplomarbeit – die eigentlich gar keine Wahl war. Ich habe mir als Schülerin schon gewünscht, als Selbständige zu arbeiten. Ich tat nichts bewusst, um dies zu verwirklichen, es standen viel zu viele Ängste im Weg, sowohl eigene als auch die meiner Mutter. Und was tue ich heute? Ich arbeite als Selbständige. Meine Diplomarbeit war eher eine Verlegenheitslösung, denn dort, wo ich eigentlich schreiben wollte, war kein Platz frei. Also sammelte ich erst einmal einfach Material, ohne eine Ahnung zu haben, wo mich das hinführen könnte. Ich staunte selbst, als ich meine Daten zusammenfasste.

Andererseits ging immer alles schief, wenn ich etwas zu erzwingen suchte. Als ich mir einbildete, unbedingt eine Stelle in der Industrie finden zu müssen – drohende Arbeitslosigkeit machte die Suche notwendig – da gab als erstes mein Auto seinen Geist auf, die Lichtmaschine war kaputt, das habe ich nur dieses eine Mal erlebt. Als ich dann mit einem Leihauto nach Köln fuhr und zu einem Vorstellungsgespräch mit der Bahn in die Innenstadt, wurden mir in der Straßenbahn Ausweis, Geldböse und Schlüssel geklaut – auch dies erlebte ich nur dieses eine Mal.

Ich könnte endlos weiter aufzählen. Inzwischen gehe ich mit diesen Dingen anders um. Vor Jahren stellte sich mir die Frage, ob ich an einer Stelle in einem Ökoinstitut weitermachen sollte. Der Leiter hatte mich gefragt, die Arbeit schien leicht zu sein und das Ende meiner Heilpraktiker-Ausbildung war abzusehen. Also entschied ich mich, noch ein weiteres Jahr dort zu arbeiten. Ich war gerade zu Fuß auf dem Weg zu dem Gebäude. Ein plötzlicher Schmerz in meiner Hüfte ließ mich stehen bleiben. Ich atmete tief durch und konnte nach einiger Zeit weiter gehen. Mir fiel ein, dass ich ja gerade über etwas nachgedacht hatte, also überlegte ich weiter und traf noch einmal die Entscheidung: ich bleibe an dem Institut. Wieder dieser Schmerz. Da kapierte ich, dass mir mein Körper ein Signal sendete. Ich entschied, dem Leiter des Instituts abzusagen, der Schmerz hörte sofort auf und kam nie wieder. Hinterher stellte sich heraus, dass ich überhaupt keine Zeit gehabt hätte.

Nun, an dieser Stelle versuche ich noch einmal eine Rekapitulation meines Lebens. Wenn ich es recht bedenke, so war das Beste, was ich tun konnte, mir aus allem was ich erlebe, die Edelsteine herauszupicken. Ich durfte feststellen, dass überall ein Edelstein verborgen liegt, nicht nur in den anscheinend so hilfreichen Seminaren oder Situationen sondern sehr wohl auch in den scheinbar unangenehmen Zeiten meines Lebens und auch in den anscheinend sinnlosen Seminaren. Dies hat mich gelehrt, nicht über etwas zu jammern, weil es schrecklich, langweilig, unangenehm oder was auch immer ist, sondern lieber danach zu forschen, was der Edelstein darunter ist. Manchmal ist er nämlich eingepackt und nicht mit bloßem Auge zu erkennen. So wie nicht alles Gold ist, was glänzt, so glänzt auch nicht alles, was Gold ist.

Und dann stelle ich fest, dass mir das Alter neben der „Weisheit“ auch noch etwas anderes schenkte: das Annehmen meiner Gaben und Begabungen. Ich hätte mir in jungen Jahren nicht träumen lassen, was ich heute alles tue und kann. Am allerwenigstens, dass ich einmal Bücher schreibe. Mein Leben hat mir so vieles geschenkt und gezeigt, dass ich nun wirklich das tun kann, was ich kann.

Mittlerweile schenkt mir der Alltag die besten Edelsteine aber auch die Erkenntnis, dass dies mein Weg ist und nicht unbedingt der von einem anderen Menschen. Wollte ich es einem anderen Menschen einreden, so würde ich mir einbilden, besser als er zu wissen, was für ihn gut ist. Da ich das auch nie mochte – wenn ein anderer meinte, er wisse, was für mich gut sei – wie kann ich es da umgekehrt bei einem anderen tun wollen.

Und nun versuche ich noch einmal, ein Resümee zu ziehen. Manch einer würde vielleicht sagen: dir geht es so gut, weil du ein spiritueller Mensch bist – oder geworden bist. Ach ja? Was ist das überhaupt? Oder anders gefragt: sind das nicht alle Menschen? Außerdem bin ich ein sehr pragmatischer Mensch. Praktische Ratschläge mag ich mehr als gedankliche Konzepte. Nicht, dass ich etwas gegen Konzepte hätte, aber sie sind eher etwas für die Spielwiese meines Verstandes. Das ist recht hübsch und macht auch Spaß. Und ich leugne auch nicht, dass mir daraus manche Erkenntnis gekommen ist. Aber dann kommt das Prüfen auf Herz und Nieren im Alltag. Und wenn es da nicht funktioniert, nutzen die schönsten Konzepte nichts. Sprach die Praktikerin. Wer bin ich, anderen vorschreiben zu wollen, dass es für sie auch genau so sein müsse? Mein Weg ist meiner und nur meiner. Aber er ist nicht leichter, besser, schöner als ein anderer. Er ist es nur für mich. Und so sage ich: es lebe die Vielfalt!

[ © 30. September 2010]

Über Ursula Zauns

Biologin, Heilpraktikerin, Schriftstellerin, Euklamatiker - oder einfach ein Punkt im Universum, ein göttlicher Funke in menschlichem Gewand
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